Ihre braune Lederhose war abgenutzt. Die Taschen waren ausgebeult und die
Schnüre, die an den Seiten die Hose in ihrer Form hielt, waren schon mehrfach
neu zusammengeknotet worden weil sie an mehreren Stellen gerissen waren. Das
Leder selbst glänzte speckig und hatte von Sonne und Schnee Risse
davongetragen. In dieser Hose steckten recht schlanke, aber kräftige
Frauenbeine, deren Füße wiederum in schweren und schwarzen Lederstiefeln
steckten. Den Kontrast zu diesem Unterkörper bildete die Bluse aus weißer
Strauchwolle. Sie saß locker auf ihren Schulter, gab jedoch nicht zuviel und
nichts unzüchtiges preis. Ihre langen dunkelbraunen Haare hatte sie zu einem
Zopf gebunden, ganz ohne schleife, nur mit einer Strähne; trotzdem hielt die
Frisur dem Wind, der an ihr zupfte, stand. Zugegeben, der Wind in den Gassen von
Élidale war nicht sehr stark. Die ganze Gegend rund um diesen Ort schien kaum
größeren Wetterschwankungen ausgesetzt zu sein, bis auf die Winter, die hier
schon immer verschneit gewesen waren. Rechts und links ragten braune
Sandsteinmauern hinauf in den Himmel. Carda stand mitten im Aufgang zur
Hagazissenstube, dem Arbeitsplatz ihrer Mutter, die schon seit langer Zeit fort
war. Carda spielte mit einem ehernen Schlüssel in ihren Händen und überlegte,
was sie dort wohl noch vergessen hatte. Vor wenigen Monaten hatte sie
angefangen, die alten Aufzeichnungen zu studieren und war, trotz fleißiger
Arbeit, noch lang nicht fertig.
„Carda! Carda!“ rief es hinter ihr.
Kurz überlegte sie, ob sie reagieren wollte, denn ihr kam diese Mädchenstimme
bekannt vor. Doch sie drehte sich um und sah, wie Cerubina auf sie zu kam, eilig
fast zwei Steinstufen auf einmal nehmend. Cerubina, dieser Name bereitete ihr
Kopfschmerzen. Sie hatte das Mädchen mit dem runden Gesicht, den roten Haaren
und den Sommersprossen im Gesicht vor ein paar Jahren auf dem Markt von Èlidale
getroffen. Carda hatte ein kleines Körbchen mit Mandragorawurzeln in ihrer Hand
gehalten und Cerubina hatte sie während des gesamten Einkaufs darüber
ausgefragt, was sie damit wolle, warum man dies brauche, für wen sie dies
brauche et cetera. Und Carda hatte sich der Fragerei ergeben. Und seither war
sie Cerubina nie wieder losgeworden. Sie hielt Carda für die weiseste Frau in
ganz Èlidale. Vermutlich war Carda auch die weiseste Frau die Cerubina kannte.
Carda zählte nun 21 Jahre, Cerubina nicht einmal ganze 17. Ihre Mutter war eine
mittelständische Schneiderin und ihr Vater einer von vielen Hufschmieden für
das königliche Heer. Cardas Mutter hatte im Dienst der Königin gestanden, als
Beraterin, Gesellschafterin, aber auch als Freundin. Über Cardas Vater war
nicht viel bekannt, lediglich dass er tot war und dass er sein Leben an einen
unehrenhaften Kerl aus einer Spelunke verloren hatte. Nachdem Cardas Mutter
verschwunden war nahm sie ihre Stellung am Hof ein. Und natürlich war Cerubina
fasziniert von den Hofdamen, den schönen Kleidern und all dem Prunk, mit dem
sich die Königin Brigid den ganzen Tag umgab. In ihrem jetzigen Aufzug
allerdings konnte Carda sich nicht unter ihre Augen wagen – das wusste sie.
Die Königin hätte sie zwar nicht gescholten, jedoch hätte sie für den Rest
des Hofstaats keinen guten Eindruck hinterlassen, wäre sie wie ein Kerl in den
Palast gestapft gekommen.
„Warte auf mich!“
Carda stemmte die Hände in die Hüften und sah, mit innerlichem Lachen, zu, wie
die kleine runde Cerubina die Treppen zu ihr hinaufkam.
„Was…“ setzte sie an.
„Ich wollte mir doch die Arbeitsstätte deiner Frau Mutter ansehen!“
Carda seufzte. Sie wusste genau dass dieses Mädchen, ohne Aufsicht, in der
Studierstube ihrer Mutter ein heilloses Chaos anrichten würde.
„Du versprichst, nichts anzufassen?“ fragte sie.
Cerubina nickte eifrig. Mit dem schweren Eisenschlüssel schloss Carda die Tür
auf, die in ihrer Aufhängung quietschte und ächzte.
„Kann ich mir das ansehen?“ rief Cerubina, kaum war die Türe offen.
„Nein,“ hielt Carda dagegen, ohne zu wissen worauf ihre kleine Freundin
überhaupt ein Auge geworfen hatte.
Sie hörte ein trotziges Seufzen hinter sich.
„Warum bist du hier?“
„Weil ich etwas suche,“ erklärte sie.
Und bevor Cerubina etwas sagen konnte fügte sie:
„Du kannst mir nicht helfen, ich suche nur Bücher,“
hinzu. Carda stöberte durch die verstaubte Stube. Das Licht fiel nur in
Strahlen durch das schwarz beschlagene Fenster. Die Kerzenstumpfe auf dem
Fensterbrett verrieten, warum die Scheiben so beschlagen waren. Auf den ersten
Blick schien das Chaos ausgebrochen zu sein, bei näherer Betrachtung stellte
sich jedoch ein System heraus. Die Bücherschränke waren vollgefüllt mit
Schriftrollen und unsauber gebundenen Büchern. Ein schwerer, feuchter Geruch
lag in der Luft und schien von den Holzregalen auszugehen.
„Immer nur lesen. Ich würde verrückt werden!“
„Werden,“ wiederholte Carda das Wort leise, grinsend.
„Was? Du liest immer nur. Was soll das?“
Genervt lies Carda das Buch, in dem sie grade las, sinken und richtete ihren
Blick hinter sich, wo Cerubina stand und sie mit offenem Mund anstarrte.
„Lesen bildet. Auch dich!“
Sie warf ihr lachend ein Buch zu. Auf dem Einband waren merkwürdige Buchstaben
geschrieben, geschwungene Striche, Bögen und Punkte.
„Ich kann nicht lesen. Und ich brauche das auch nicht.“
Sie streckte ihr das Buch wieder hin, doch Carda lehnte es ab.
„Nimm es. Es gehört dir. Du kannst es behalten.“
Cerubina öffnete das Buch und sah darin eine Reihe von Buchstaben. Es schien
ein Kinderlesebuch zu sein.
“Ich habe damit gelernt. Du willst doch immer wissen, was ich mache.“
Cerubina war ein wenig erschrocken. Sie hatte nicht gedacht, dass das Lernen mit
Lesen und Schreiben anfangen würde.
„Ich war zehn Jahre alt. Es kann dir nicht schaden, wenn du das auch
kannst.“
Cardas Stimme glich in diesem Moment der, einer Lehrerin.
„Ich brauche das aber nicht!“ protestierte Cerubina. „Ich will lernen wie
man Kräuter mischt, oder wie man Tränke braut, oder böse Geister
austreibt!“
Carda kicherte.
„Was glaubst du wohl, steht in den ganzen Büchern?“
Cerubina senkte den Kopf. Sie blickte zu Boden und war ein wenig enttäuscht.
Sie hatte sich das alles viel einfacher vorgestellt. Sie hatte Carda schon oft
dabei zugesehen wie sie verletzte Soldaten mit Kräuterauflagen heilte, sogar
bei einer Geistervertreibung war sie dabei gewesen. Und das alles schien so
einfach zu sein.
„Was ist? Willst du es nicht? Dann gib es wieder her!“
Carda hielt ihre Hand auf, damit Cerubina das Buch hineinlegen konnte. Doch sie
behielt das Buch. Carda wusste, welchen Einfluss sie auf das Mädchen hatte. Die
Kleine hatte sich ein Lederband mit einem Edelstein am Ende um den Hals
gehangen. Sie hatte gehört, dieser durchsichtige Stein schaffe klare Gedanken,
deshalb hatte sie sich einen von einem fahrenden Händler mitbringen lassen.
Doch Carda hatte sich nicht damit befasst ob dieser Stein auch wirklich hielt,
was der Händler versprach. Und es hätte sie auch nicht gewundert, wenn man
Cerubina einen Glasklunker verkauft hätte.
„Gut, ich bin hier fertig.“
Sie nahm einen Stapel aussortierter Bücher unter den Arm und bewegte sich in
Richtung Tür. Ihre kleine Freundin kam ihr hinterher, mit kleinen
Tippelschritten, aus Angst, auf etwas zu treten. Beide gingen die steinerne
Treppe, die von den hohen Mauern gesäumt war, herab. Die Sonne schien auf die
Dächer Èlidales herab. Es war Sommer, alles war in ein warmes Goldgelb
getaucht. Es dauerte auch nicht lange, da saß Carda in ihren Gemächern in
einem Nebengebäude des Palastes und studierte die soeben gefundenen Schriften.
Die Bücher hatten ganz verschiedene Inhalte, über Pflanzen, Tiere, Zauberei
und Küchenregeln. Sie saß in einem hölzernen Schaukelstuhl, der mit eigens
genähten Kissen gepolstert war und sanft hin und her wog. Die deckenhohen
Fenster waren mit orangefarbenen und gerafften Tüchern verhängt. Cardas Buch
handelte von einer alten Legende, nichts außergewöhnliches, eine typisch
schwarzweiße Geschichte über den Kampf Gut gegen Böse. Die darin
beschriebenen Völker waren schon seit einigen hundert Jahren tot oder in alle
Winde zerstreut. Auch Èlidale spielte in diesem Buch eine kleine Rolle, als
Wegpunkt auf der Reiseroute eines fahrenden Händlers, nichts besonderes also.
Die Luft roch scharf, ein Zeichen für ein nahendes Sommergewitter. Kaum hatte
Carda dies zuende gedacht, schon grollte es aus der Ferne. Sie legte ihr Buch
aus der Hand und schob die orangefarbenen Vorhänge beiseite. Sie blickte aus
dem ersten Stockwerk einen Berg hinab. Schloss Ríma war auf einen kleinen Berg
gebaut worden und hatte diesen während der Ausbauarbeiten beinahe vollkommen
verschlungen. Carda erinnerte sich zwar kaum daran, doch ihre Großmutter wusste
noch, dass der Berg einst Undênnen geheißen hatte. Aus welcher Sprache dieses
Wort kam oder was es bedeutete wusste vermutlich niemand mehr, so auch Carda
nicht. Das Sommergewitter brachte warmen Regen mit, der allerdings nicht gegen
die Fenster schlug da sich die Schlagseite genau auf der gegenüberliegenden
Seite des Schlosses befand.
„Lady von Yngor!“
Es pochte an Cardas Tür. Die Fistelstimme auf der anderen Seite der Tür klang
aufgeregt. Carda ließ den Vorhang los und eilte zur Tür. Sie drehte den Ring
um und zog daran, die Tür schabte über den Boden.
„Lady! Verzeiht die Störung, aber hier ist jemand, der Euch sprechen
möchte.“
Der Bedienstete ging ein paar Schritte rückwärts und gab die Tür für einen
jungen Mann frei. Carda konnte sein Gesicht niemand Bekanntem zuordnen, dennoch
bat sie ihn herein und bot ihm einen Sitzplatz an. Der junge Mann zählte
schätzungsweise 25 Jahre. Er hatte für Èlidale’sche Verhältnisse kurzes
Haar, ein symmetrisches Gesicht und war in einen knöchellangen Mantel aus
schwarzer Schafswolle gehüllt. Er war vom Regen nass und ein paar Tropfen
perlten von den Haaren auf seine Stirn. Seine Hautfarbe war braun, anders als
die Cardas. Diese Farbe war Zeugnis davon, dass er sich häufig draußen,
außerhalb der Mauern Èlidales aufhielt.
„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Bayart, Baron von Cucagne.“
Was wollte denn ein Baron von Carda? Ausgerechnet von ihr, die sie sich nicht
für ausgesprochen begabt oder gar wichtig gehalten hatte. Was konnte dieser
Mann, der obwohl er ein Adliger war eine solche Hautfarbe hatte, von ihr
wollen?
„Ihr wisst scheinbar wohl, wer ich bin. Was treibt euch in diese kleine
Ortschaft?“
Carda war misstrauisch. Sie wollte sich nicht mit Bitten nach Wundermittelchen
aufhalten lassen, und für eine gute Ernte oder die Heilung von Furunkeln war
der Baron sicher den ganzen Weg von… wie hieß der Ort noch mal? …
gekommen.
„Kleine Ortschaft? Ihr verfügt hier über Adel, eine ansehnliche Armee. Also
klein würde ich das nicht nennen.“
Der Fremde schien durch seine Art die Stimmung auflockern zu wollen.
„Wie auch immer Ihr das seht. Ihr habt noch nicht geantwortet,“ lächelte
sie.
„Wie unhöflich von mir. Ich bin gekommen, um Euch um Hilfe zu bitten.“
Fast ohne ihr zutun hob sich ihre linke Augenbraue. Wobei sollte sie denn einem
Baron helfen?
„Unsere größten Zauberer sind überfragt. Es geht um meinen Sohn. Meinen
Thronfolger.“
Und Carda mit ihren 21 Jahren sollte ihm helfen?
Der Baron lächelte und versuchte, Cardas Vertrauen zu gewinnen. Er erzählte
von seinem Fürstentum, der Burg auf der er lebte, seiner Frau, die schon früh
verschieden war und seinem Sohn, der vielleicht drei Jahre zählte.
„Ihr habt ein eindrucksvolles Reich, das ist wohl wahr. Doch warum kommt Ihr
grade zu mir? Ich habe doch wohl keinen Ruf?“
Am liebsten hätte sie die Arme vor der Brust verschränkt, doch das wäre dem
Baron gegenüber unhöflich gewesen.
„Ihr müsst mit mir kommen.“
Das hatte sie bereits geahnt. Und es sprach ja auch nichts gegen einen kurzen
Ausflug nach… nach…
„Wie war noch der Name Eures Reiches?“
„Cucagne. Es heißt Cu-cag-ne.“
Dieser Dialekt war ihr Fremd. Sie spürte, dass von dem Baron Bayart keine
Gefahr ausging. Im Gegenteil erschien er ihr als freundlich und zuvorkommend. Um
sich jedoch zu vergewissern verwandte sie einen kleinen Trick, den ihre Mutter
sie vor ihrem Verschwinden noch gelehrt hatte. Sie versetzte sich für einen
Augenblick in Bayart hinein. Sie sah, was er sah, spürte, was er spürte und
schaute für einen Augenblick in seinen Erinnerungsschatz. Sie sah eine Faust
auf sich zukommen, die ihren Schlag auf der Nase entlud, die daraufhin brach.
Verschwommen nahm sie das Bild von steinernen und ehernen Bierkrügen wahr. Doch
bevor Bayart etwas bemerkte, hatte sie seine Gedanken auch schon wieder
verlassen. Es war ganz leicht gewesen, doch konnte sie dies nur bei Menschen
anwenden, die keine Ahnung von Magie oder Schutz auf dieser Ebene hatten. Kurz
viel ihr auf, dass sie dies bei Cerubina noch nie ausprobiert hatte. Bayart
hatte seinen Mantel nicht abgelegt. Er verbarg etwas längliches darin, das er
nun hervorholte und es Carda hinhielt.
„Natürlich sollt Ihr nicht umsonst in unseren Diensten stehen,“ begann er.
Es war in ein weißes Leinentuch gehüllt und war als eine Art Anzahlung
gedacht. Mit einer Hand öffnete er das Tuch und gab den Blick auf ein goldenes,
mit Edelsteinen besetztes Zepter frei, das, wenn selbst nur die Edelsteine echt
waren und das Gold nur aufgelegt, ein kleines Vermögen wert gewesen sein
musste.
„Das… Ich kann das nicht annehmen!“ protestierte Carda.
Sie wusste ja noch nicht einmal, was für eine Aufgabe sie erledigen sollte.
„Es soll euch gehören. Und bitte, nehmt es.“
Carda sah dem jungen Baron in die Augen und sah, dass es ihm mit diesem Geschenk
ernst war. Wenn sie es ablehnte, war sie grob unhöflich. Sie nahm das Zepter
also entgegen und wiegte es in ihren Händen hin und her, geblendet vom Glanze
des polierten Goldes.
„Ich danke Euch. Dennoch finde ich es übertrieben. Wie könnt Ihr sicher sein
dass ich Eurer Aufgabe gerecht werde?“
Carda ließ das Zepter sinken. Nach einer kurzen Pause legte sie es auf den
Tisch der sie und Bayart räumlich voneinander trennte. Sie sah ihn fordernd und
gleichzeitig fragend an. Der Regen auf seiner Kleidung war nun stellenweise
getrocknet.
„Ihr seid die Tochter von…“
„Ich weiß, wessen Tochter ich bin!“ unterbrach sie ihr Gegenüber scharf.
„Und allein das soll mich dafür qualifizieren?“
Ihr Tonfall beruhigte sich wieder.
„Ich nahm an, sie hätte Euch unterrichtet, bevor sie verschwand.“
Carda hätte nicht angenommen, dass ihre Mutter über die Grenzen Èlidales
hinaus bekannt war. Doch sie konnte sich hier eines Besseren überzeugen lassen.
Sie nickte. Natürlich hatte ihre Mutter ihr das Wissen weitergegeben, nicht nur
mündlich, sondern auch in Form der Bibliothek, die sie im Studierzimmer
hinterlassen hatte. Ihr Blick richtete sich unbeabsichtigt auf die kleine
Pfütze, die sich um Bayarts Stiefel gebildet hatte. Als dieser ihrem Blick
folgte, entschuldigte er sich für dieses Malheur.
„Werdet Ihr mich begleiten?“ fragte er vorsichtig.
Sie seufzte leise.
„Ja.“
Es war schon lange her, dass sie die Mauern Èlidales verlassen hatte. Als
kleines Kind hatte sie oft vor der Stadt in den Wäldern gespielt. Doch als sie
Älter wurde beschäftigte sie sich anders. Als sie ihrer Mutter eines Tages
davon erzählte, dass sie am blauen Himmel viele kleine Lichtpunkte hatte tanzen
sehen, wusste Dione, dass es an der Zeit war, ihre Tochter zu unterrichten.
„Ich danke Euch,“ sagte Bayart erleichtert und deutete mit dem Kopf eine
Verbeugung an.
Er richtete sich auf, zog seine Kleider zurecht und wandte sich in Richtung
Tür.
„Darf ich Euch bitten, mich jetzt zu begleiten? Es eilt sehr.“
Carda hatte es gewusst. Sie stand von ihrem Stuhl auf und nahm schnell ein paar
Kleidungsstücke, Edelsteine, Kräuter und ein Buch und stopfte die Sachen
hastig in einen schwarzen, ledernen Schnallenkoffer.
„Ich möchte mich noch von der Königin verabschieden.“
Der Koffer blieb offen auf dem Bett liegen, als sie aus dem Zimmer ging um sich
von Königin Brigid zu verabschieden. Bayart stand einige Sekunden lang wie in
Stein gemeißelt da und wartete. Doch etwas zog ihn zu dem kleinen Büchlein,
das Carda soeben zu oberst auf den Stapel in den Koffer gelegt hatte. Leisen
aber schnellen Schrittes ging er hin und nahm das Buch in die Hand. Es war in
Leder eingebunden und in das Leder waren Buchstaben eingestanzt, die er nicht
entziffern konnte. Er haderte mit sich selbst, ob er das Büchlein öffnen
sollte oder nicht. Doch was konnte ihm schon widerfahren? Schließlich war Carda
ja keine böse Hexe sondern die Tochter von Dione von Yngor. Doch mit dem, was
in diesem Buch stand, konnte er nichts anfangen. Es kannte die Bedeutungen der
Zeichen und Bilder nicht. Und während er durch dieses Buch blätterte vergaß
er die Zeit vollkommen. Und so bemerkte er auch nicht, dass Carda vielleicht
schon seit Minuten im Türrahmen stand und ihn lächelnd beobachtete.
„Und?“ fragte sie plötzlich.
Bayart ließ vor Schreck das Buch fallen, konnte es kurz vor dem Boden aber noch
auffangen. Die Situation war ihm furchtbar peinlich und er suchte nach einer
Erklärung.
„Ihr könnt es nicht lesen, habe ich recht?“
Bayart nickte verschämt und wusste nicht, ob seine Hände noch vom Regen oder
von Schweiß nass waren.
„Legt es wieder zurück und schließt den Koffer, bitte.“
Carda grinste, innerlich noch viel verschmitzter als äußerlich. Sie fand es
nicht verwunderlich dass Bayart einen Blick in dieses Büchlein geworfen hatte.
Es enthielt wichtige Aufzeichnungen, die sie jedoch in einer Schrift geschrieben
hatte, die nur wenige Menschen beherrschten. Und in ganz Èlidale waren es nur
sie und ihre Mutter gewesen. Sie vergewisserte sich, ob die Fenster geschlossen
waren, ob alles an seinem rechten Platz lag und löschte die beiden Öllämpchen
auf dem schulterhohen Wäscheschrank neben dem Bett.
„Ich wäre bereit,“ sagte sie und richtete ihren Blick demonstrativ auf
ihren Koffer.
Bayart ergriff ihn sofort und es wunderte Carda, dass er nicht vor ihr
salutierte. Belustigt davon ging sie durch die Tür und der Baron folgte ihr.
Nach einigen Schritten streckte sie ihre Hand nach dem Koffer aus und griff ihn.
Bayart schaute verwundert und ließ den Koffer los. Es überraschte ihn, dass
die eigentlich zierliche Carda einen so festen Griff hatte.
„Wie kommt ihr eigentlich auf mich?“ fragte sie als sie durch die große
Empfangshalle von Schloss Ríma gingen. Ihre Schritte hallten von den meterhohen
Wänden wieder und der Hall verlieh ihren Stimmen eine überraschende Fülle.
„Wie ich sagte, Ihr seid die Tochter Dione von Yngors. Und wenn uns jemand
helfen kann, dann seid Ihr es.“
Doch wobei genau sollte Carda ihm denn helfen? Er hatte sich bei der Antwort
sehr zurückgehalten und umging diese Frage auch geschickt.
„Die Kutsche steht vor dem Schloss. Ich hoffe es macht Euch nichts aus.“
Bei diesem Satz öffnete er ihr die hohe Eingangstür aus massivem Holz mit
metallenen Beschlägen, viel zu schwer für eine Frau, so wie er dachte. Die
Kutsche war mit dem Fürstenwappen Cucagnes verziert, in blau, rot, weiß und
Gold. Auch fand man viele Lilien und Schnörkel, die anzeigten, dass es sich um
eine Kutsche aus dem Bestand des Adels handelte. Bayart öffnete die Tür und
ließ Carda einsteigen, dann schob er den Koffer nach und stieg zuletzt selbst
ein. Im Innern war die Kutsche mit Samt ausgekleidet, ganz so, wie man es von
einer Adelskutsche her kannte. Mit einem Handzeichen aus dem Fenster bedeutete
er dem Kutscher, dass die Reise beginnen konnte. Im Gegensatz zu den Kutschen
die Carda kannte war diese sehr ruhig während der schnellen Fahrt. Die beiden
Pferde, die davor gespannt waren, trabten unermüdlich voran und die Landschaft
zog an den beiden Fenstern vorbei wie auf eine Bilderwand aufgemalt. Der Himmel
färbte sich abendlich rot. Carda und Bayart schwiegen eine lange Weile, bis
Carda das Schweigen brach.
„Was ist mit Eurem Sohn? Ihr spracht von ihm.“
Bayarts Mine verfinsterte sich kaum merklich. Doch ihm lief ein Schauer über
den gesamten Rücken und wieder zurück.
„Er ist schwer erkrankt. Er leidet an Fieber, doch kein Fiebermittel hilft
ihm. Ich habe ihn einem Schamanen anvertraut. Doch ich habe den kleinen Daive
seit einem Monat weder gesehen, noch gehört. Der Schamane verweigert mir
jeglichen Zutritt zu dem Jungen.“
Carda nickte.
„Ohne Zweifel ein Scharlatan, den Ihr angeheuert habt.“
Bayart senkte den Blick. Er musste sich eingestehen dass sie Recht hatte.
„Wisst Ihr den Namen dieses Mannes?“
Der Baron überlegte kurz. Doch zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass der
Schamane ihm seinen Namen nicht genannt hatte. Wie konnte er nur so töricht
sein und den Thronfolger Cucagnes einem Namenlosen überlassen.
„Nein. Er sagte ihn mir nicht. Vielleicht kennt ihn eine der Ammen.“
Carda schüttelte den Kopf.
„Kaum. Er hatte von Anfang an schlechtes mit dem Kind im Sinn.“
Solange niemand den Namen dieses Mannes kannte konnte ihm aus magischer Sicht
auch niemand etwas anhaben. Carda wusste dies und grübelte, wie man diese
Situation doch noch zum Guten wenden konnte.
„Wo ist seine Mutter?“ wollte sie wissen.
Bayart wendete seinen Blick ab. Seine Gemahlin war ein schmerzliches Thema für
ihn. Auf der Reise in ein fremdes Land war sie gefangengenommen worden. Seither
hatte er nie wieder von ihr gehört und er wusste nicht, ob sie noch am Leben
war. Er erzählte Carda die Geschichte; es war ihm als redete er stundenlang.
Das Land, das sie bereist hatten war weit im Süden gelegen. Die Sonne dort
brannte am Tag 15 Stunden auf die Menschen herab, die allesamt eine tonbraune
Hautfarbe hatten und deren Häupter von pechschwarzem Haar bedeckt wurden. So
stolz und so traditionsreich diese Menschen gewesen waren, genauso grausam waren
sie. Die Pferdekutsche hatte eine Halbwüchsige angefahren, die
unerklärlicherweise ihren Verletzungen erlag. Dafür hatten die Dorfbewohner
einen Tribut gefordert. Alles war aus den Strohhütten zusammengekommen und die
Ältesten entschieden, dass Bayart seine Béthàny nicht mehr wiedersehen
sollte. Sie wurde in eine Hütte gebracht, aus der sie schrie und jammerte, doch
was weiter mit ihr passierte konnte er nicht sagen, weil sie gezwungen waren,
sie zurückzulassen.
“Das ist ja schrecklich,“ sagte Carda und senkte ihren Blick, Béthànys
Seele gedenkend.
„Ja. Aber es war unausweichlich.“
Sie war verwundert darüber, wie resignierend Bayart den Verlust seiner Frau
hinnahm. Langsam veränderte sich die Landschaft vor dem Kutschfenster. Die
üppigen Wälder verschwanden langsam und wichen einer orangefarbenen
Steinlandschaft. Aus dem Boden ragten hie und da immer wieder ein paar alte und
knorrige Bäume empor, deren grüne Kronen den hiesigen Vögeln ein Dach über
dem Kopf boten. Es mussten schon Stunden vergangen sein. Schweigen lag in der
Kabine. Bayarts Finger spielten gedankenverloren mit einem Holzperlenarmband,
das er in seiner Manteltasche vergraben hatte.
„Warum überrennt Ihr ihn nicht mit euren Truppen?“ brach Carda das
Schweigen.
„Weil niemand von meiner Torheit wissen soll. Und weil er ihm etwas zuleide
tun würde.“
Carda nickte.
„Aber wozu braucht Ihr mich?“
„Er hat uns die Pest gebracht, unser Wasser untrinkbar gemacht und viele
Frauen wurden unfruchtbar, seit wir ihn das letzte Mal bedrängten.“
„Wie hat er das zustandegebracht?“
Sie konnte sich kaum vorstellen dass ein einzelner Mann zu so etwas fähig war.
Und sie bezweifelte auch, dass es sich bei ihm um einen fähigen Magier
handelte. Sie stand allen Menschen, die von sich behaupteten sich der Magie
befähigt zu haben, sehr skeptisch gegenüber, schließlich war sie schon auf
genug Scharlatane getroffen.
„Er benutzt uns unbekannte Kräuter und Steine. Einer meiner Getreuen
berichtete, er habe sogar beobachtet, wie er die Mandragora ausgegraben
habe.“
Carda erkannte das Hauptproblem jedoch in etwas völlig anderem. Die Menschen
hatten zuviel Ehrfurcht vor diesem… diesem… Gesocks. Kein anderes Wort viel
ihr ein. Man durfte das alte Wissen nicht für solche Kinkerlitzchen vergeuden,
hatte man ihr immer und immer wieder eingebläut.
„Ich denke, dass sich dieses Problem schneller lösen lassen wird, als Ihr zu
glauben wagt, mein lieber Baron Bayart.“
Wissend lehnte sie sich zurück. Nur ein Narr würde die Magie für seine
eigenen, böswilligen Zwecke verwenden, kam doch all das, was man aussandte,
dreifach auf einen zurück. Die Kutsche verließ die Gefilde, an die sich Cardas
Augen nun gewöhnt hatten. Die rötlichen Töne wichen einem satten Grün, das
fortan die Straße säumte, auf der sie sich bewegten. Die Straße mündete in
ein riesiges Tor. Das mächtige Schutzgitter war hochgezogen und die hölzernen
Flügel standen weit offen, den Blick auf das Innere Cucagnes freigebend. Noch
ehe sie durch den ehernen Torbogen gefahren waren war Carda überwältigt von
der Schönheit dieser Stadt. Alle Häuser hatten einen eher traditionellen
Hauch, selbst für jemanden aus Èlidale sah alles ein wenig antiquiert aus,
antiquiert, aber doch so blank und sauber, als sei alles soeben erst aus dem
jungfräulichen Boden gewachsen. Die Pferde schnaubten und stoppten schließlich
in einer Art Innenhof. Der Kutscher öffnete die Tür und Bayart sprang in einem
Satz hinaus.
„Darf ich bitten?“ reichte er Carda die Hand.
Diese nahm sie an und ließ sich von dem Baron in eine Art Schänke führen. Sie
schien jedoch nicht öffentlich zu sein, da sich niemand außer dem dicklichen
und haarlosen Wirt darin befand.
„Wartet hier, ich lasse das Gepäck auf ein Zimmer bringen. Kutscher!“
Bayart gab dem Kutscher ein Handzeichen. Erst jetzt konnte Carda sein Gesicht
erkennen. Es war zerfurcht, wohl von Wind und Wetter, durch das er bereits hatte
fahren müssen.
Bayarts Erbe
Noch bevor Chiron Bayart überhaupt geboren war, stand fest, dass der künftige
Thronerbe ein schweres Los haben würde. Früh schon hatten die Hexen des Hofes
von Cucagne gesehen, dass sich der Horizont für das Geschlecht Bayart
verfinsterte, zunehmend verfinsterte. Schuld daran schien ein alter, aber
gravierender Fehler zu sein, den Chirons Urgroßvater begangen hatte.
Ein schwerer Schatten schleppte sich durch das verwobenen Geäst der Wälder
von Cryasoll.