Vielleicht gibt es tatsächlich auserwählte Kinder, die vielleicht irgendwo in sich drin eine Weisheit bergen.
Aber.
In der Regel sieht die Geschichte ja anders aus. Mutti wollte als Kind selbst mal Model/Prima Ballerina/Sängerin werden. Hat das ganze aber nicht geschafft, aus mangelndem Talent, oder vielleicht aus Mangel an Geld, die Gründe sind mannigfaltig. Jetzt bekommt Mutti ihr Baby und fühlt sich nach der Geburt erleuchtet, angestrahlt von dieser wundervollen Babyaura. Die eigentlich jedes Baby hat. Mit diesem Baby soll alles besser werden, ein Neuanfang, jawohl! Und weil Mutti sich sowieso für ein bisschen Esoterik interessiert, findet sie auch bald ein Thema, wie man Esoterik und das neugeborene Leben super kombinieren kann.
Wenn man sich die Texte auf diesen Seiten durchliest, dann stellt man schnell fest, dass sie nach dem selben Muster aufgebaut sind. Sie alle verfügen über einen Schreibstil, der den geneigten Leser dazu bringt, das gelesene mit sich selbst abzugleichen und eine Checkliste abzuhaken.
- Schwierigkeiten in der Schule [x]
- sich in seinem Handeln nicht korrigieren lassen (wollen) [x]
- akzeptiert keine Autoritäten [x]
- lernt nicht aus Strafen (Trotz) [x]
- hoher IQ [x]
- sensibel gegenüber Nahrungsmittelzusätzen [x]
=
Mal unter uns… wer hatte denn keine Schwierigkeiten in der Schule? Es gab doch so ziemlich bei jedem Prügeleien oder Ärger mit Lehrern. Mehr oder weniger.
Kinder wollen sich natürlich nicht von etwas abbringen lassen, was ihnen Spaß macht. Und wenn es ihnen Spaß macht auf Muttis Doppelbett zu springen dann wird das gute Argument, dass der Lattenrost das nicht ewig mitmacht, da auch nicht helfen. Kommt man auch nur mit viel Geduld hinterher.
Autoritäten zu akzeptieren ist auch so eine Sache. Wir kennen natürlich alle so Sprüche wie “Du bist nicht meine Mama, du hast mir garnichts zu sagen!” zu Kindergärtnerinnen z.b.
Und aus Strafen lernen? Hat bei mir auch gedauert. Erst nachdem ich die frische Tapete im Flur mit schwarzen Filzern angemalt hatte und dafür den Hintern vollbekam dämmerte mir, dass ScheiBebauen Ärger nach sich zieht. Zuvor hatte ich jede Androhung von Strafe geflissentlich ignoriert. Macht ja auch Spaß, dieses Bettengehoppse.
Der hohe IQ ist so eine Sache. Eltern sehen ihre Kinder immer verklärt und entsprechend sind diese Kinder auch die allerintelligentesten. Immer.
Und die Sensibilität bei Nahrungsmittelzusätzen lässt sich bei so einem kleinen Körper auch mit etwas rhythmischem Nachdenken erklären. Wenn mein Kind den Spinat nicht will muss das aber nicht heißen, dass dort viele verschiedene E-Nummern drin sind. Es kann die grüne K0tze auch bloß eklig finden weil Kinder nunmal schnüksch sind und am liebsten Pommes essen.
Man kann also alle diese Symptome völlig alltäglich erklären. Das ganze spielt mit der Unsicherheit der Eltern, ob das eigene Kind normal ist und wenn nein, ob dieses Unnormale denn zwingend schlecht sein muss. Und da trifft sich diese Auserwähltengeschichte gut.
Da gibt es sogar einen Fachbegriff für, den Barnum-Effekt. Zu finden hier: Der Barnum-Effekt bei Wikipedia
Scheint das gleiche Zeug zu sein, womit sie die Zeitungshoroskope spicken.
Mit entsprechend dekorierter Webseite und ein paar historisch-korrekten Begriffen wird daraus ein psychologischer Taschenspielertrick, bei dem sich die Leute, die daran tatsächlich glauben, auch bereitwillig angegriffen fühlen, wenn man dieses Konstrukt auseinandernimmt. Kein Wunder, hat dieses Konzept ja bislang für einen selbst alle Unzulänglichkeiten gerechtfertigt.
Soweit so schlecht. Diese machtvolle Waffe auf ein Kind zu richten ist das übelste was einem als Dreikäsehoch passieren kann. Man ist grade ein paar Jährchen auf der Welt, schon laden sämtliche Leute um einen herum ihren psychischen Unrat auf einem ab. Wenn man bis dahin noch ganz beitrost war, ist man es spätestens jetzt nichtmehr, grob gesagt. Wenn Erwachsene unter ihrem psychischen Druck zerbrechen, wie sollen Kinder soetwas handlen können…
Aber dieses Konzept ist nicht das einzige. Es gibt noch mehr davon. Für jeden Menschen auf der Welt ein eigenes, quasi. Und manche gehen sogar soweit, den Leser zu fragen, ob er sich denn auch schon immer für anders gehalten hat, als die anderen. Ob er vielleicht empfindsamer ist als die ganzen gefühlsblinden Leute auf der Straße. Beantwortet man das ganze mit Ja, sagt einem der Text, dass es dafür einen genetischen Grund gibt. Manche Menschen sind nämlich genetisch weiter entwickelt (besser?) als andere. Mit so einer kleinen Mutation, die macht, dass man alles anders und besser wahrnimmt.
Das ganze appelliert dann so ein bisschen an die bösen Schulkameraden und Arbeitskollegen, deren Mobbingopfer man ja ständig war. Und man kann vor allem diesen Kreis durchbrechen, wenn man das Nachfolgebuch für 15 $ kauft.
Nein, das hab ich mir nicht ausgedacht. Genau das stand in einer PDF-Datei eines Bekannten von mir, der darin sein Seelenheil gesucht hat.